Die Einsamkeit der Primzahlen

von Paolo Giordano

Schrecklich ist “Die Einsamkeit der Primzahlen”. Sie stehen inmitten anderer Zahlen und sind doch so allein, denn sie sind nur durch eins und durch sich selbst teilbar. So finden sie keine Partner, obgleich es um sie herum vor Zahlen wimmelt. Genauso schrecklich einsam sind Mattia und Alice in dem gleichnamigen Roman von Paolo Giordano. Die beiden lernen sich auf dem Gymnasium kennen und spüren eine unwiderstehliche Anziehungskraft zu einander. Dennoch gelingt es ihnen nie, sich gänzlich zu einander zu bekennen, eine Beziehung einzugehen: “Mattia hatte gelernt, dass es Paare von Primzahlen gab, zwischen denen immer eine gerade Zahl stand, die verhinderte, dass sie sich berührten. In Mattias Augen waren sie beide, Alice und er, genau dies: Primzahlen, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um einander wirklich berühren zu können.”

Mattia lebt mit dem großen Schuldgefühl, seine hilfsbedürftige Zwillingsschwester im alter von sechs Jahren allein im Wald zurückgelassen zu haben, weil er sich ihrer schämte und nicht mit auf eine Geburtstagsfeier nehmen wollte. Sie verschwindet und taucht nie wieder auf, ist vermutlich im Fluss ertrunken. Alice widerfährt ein Skiunfall, als sie sieben Jahre alt ist, aus dieser Zeit trägt sie eine Gehbehinderung davon und wird mehr oder weniger latent magersüchtig.

Die Wunden der Kindheit tragen wir unser ganzes Leben lang mit uns herum, vielmehr noch — wir verstehen es, selbst in diesen Wunden herumzubohren und sie zu vertiefen, solange es uns nicht gelingt, sie zu heilen: Davon erzählt Paolo Giordano in einer wunderbar fließenden, poetischen und dennoch glasklaren Sprache, die den Leser bis zuletzt in die besondere Welt der beiden Protagonisten einspinnt. Die schwierige Zeit des Heranwachsens schildert er feinfühlig und realitätsnah zugleich. Das fulminante Debüt des Turiners – im Jahr 2008 das meistverkaufte Buch in Italien – endet tröstlich und mit der Zuversicht, dass Heilung möglich ist, aus uns selbst heraus, wenn wir erkennen, dass wir auf uns selbst gestellt genug Kraft dazu haben und die Schuldfrage eine unerhebliche ist: “Sie erinnerte sich, wie sie unter dem Schnee begraben in der Rinne lag. Sie dachte an diese vollkommene Stille. Damals wie heute wusste niemand, wo sie war. Auch diesmal würde niemand kommen. Aber sie wartete auch nicht mehr. Sie lächelte zum klaren Himmel. Mit ein wenig Mühe schaffte sie es jetzt auch alleine aufzustehen.”

Paolo Giordano:
Die Einsamkeit der Primzahlen
Einband: gebunden (368 Seiten)
Verlag: Karl Blessing
ISBN-13: 978-3-89667-397-8
Preis: EUR 19,95

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Eine Antwort auf Die Einsamkeit der Primzahlen

  1. Wirklich ein brauchbarer Kommentar. Ich sollte http://www.lesezeit-muenster.de häufiger besuchen

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